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Heft 27:
"Eins-zwei-drei-vier
Eckstein, alles muss versteckt sein" -
Alte Kinderspiele aus Bergkamen und Umgebung
Das Kinderspiel hat für die Entwicklung und
Ausbildung der Persönlichkeit eine außerordentliche Bedeutung. Jede
Form des Spiels ist ein Lernvorgang, bei dem wichtige Aspekte des
menschlichen Zusammenlebens erfahren und eingeübt werden.
Spielerisch werden auf diese Weise soziales Verhalten
und die Auseinandersetzung mit sich selbst gefördert.
Auch die Bergkamener Zeitzeugen haben in ihrer
Kindheit viel gespielt. Ihre Spiele waren teilweise durch den
allgemeinen Mangel der Kriegs- und Nachkriegszeit geprägt, sie
erlebten andererseits auch das Aufblühen der Wirtschaftswunderzeit.
Vor allem der Schutz der Familie und das Recht auf freie Entfaltung
der Persönlichkeit boten mit dem aufkommenden wirtschaftlichen
Aufschwung in den 1950er Jahren eine wichtige Grundlage für die
weitere demokratische Entwicklung in Deutschland. Vor diesem
zeitgeschichtlichen Hintergrund spielten sich die Zeitzeugenberichte
ab, die in diesem Heft gesammelt wurden.
In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gab es kein
teures Spielzeug. Für viele Spiele brauchte man oft kaum Spielzeug
oder nur wenig Material; phantasievoll wurde vieles selbst
hergestellt und war dennoch pädagogisch wertvoll. Da die
Wohnverhältnisse oft beengt waren, wurde oft und viel draußen
gespielt. Es war nicht Aufsehen erregend, sich beispielsweise am
„Bombentrichter“ zu treffen. Die Kinder konnten gefahrlos auf der
Straße spielen, da die Verkehrsdichte noch nicht so hoch war und nur
wenig Autos fuhren. Die Kinder trafen sich, wenn ihre Pflichten zur
elterlichen Hilfe erfüllt waren, ohne vorher eine Verabredung per
Telefon oder an Hand des Terminkalenders getroffen zu haben.
In den Spielen der Kinder wurde das Alltagserleben
der Erwachsenenwelt nachempfunden, aber auch Erlebnisse z. B. des
Kriegsgeschehens verarbeitet. Die Kinder litten nicht an
Bewegungsmangel, ihre Aktivitäten boten genügend Anlass, ihre
motorisch geprägten Bedürfnisse auszuleben.
Auch im Winter traf man sich draußen, den
Witterungsverhältnissen entsprechend gekleidet. Es wurde gerodelt
auf den Straßen, Ski oder Schlitten gefahren. Ein eigenes Fahrrad
oder Schlittschuhe waren einerseits ein Prestigeobjekt, wurden
andererseits aber auch großzügig geteilt.
Ein Puppenwagen als Geschenk zu Weihnachten für die
Mädchen wurde besonders wertgeschätzt, das Zubehör wurde im Laufe
der Zeit ergänzt oder verändert.
Verbreitet auf Straßen und Höfen in Bergkamen waren
ebenfalls Ball-, Fang- und Versteckspiele. Um jemanden für eine
besondere Aufgabe zu bestimmen, benutzten die Kinder einen
Abzählreim. Der Titel dieses Heftes leitet sich von einem damals
weit verbreiteten Abzählreim ab.
Folgende Personen waren in diesem Jahr Mitglied im
Zeitzeugenkreis: Helga und Friedrich Böinghoff, Eva Eckold-Donder,
Gisela Faulstich, Henny Hunger, Brigitte Kilian, Ursula Janik,
Ursula und Klaus Kania, Gerd Koepe, Heinz-Dieter Linkamp, Helga
Nowak, Friedrich Potthoff, Eva Radant, Inge Schlüter-Wörmann, Frank
Schmidthaus und Anneliese Thielmann.
Eine Zeitzeugenbericht aus Heft 27:
Wir Kinder von der Kiwittsheide
(Helga Nowak)
Es ist Sommer - mit
meinen Enkelkindern sitze ich im Garten und wir naschen von den
süßen Kirschen, die in einer großen Keramikfruchtschale einen Teil
des Gartentisches beanspruchen.
In diesem Jahr hat
uns die Natur sehr früh mit dieser Köstlichkeit beschenkt.
Ein sonniges
Frühjahr ist es gewesen, welches die Mutter Erde gut vorwärmte und
alle Früchte an den Bäumen und sonstige Leckereien des Gartens
schnell reifen ließ. Traumverloren und ganz leise sang ich:
„Rote Kirschen ess´ ich gern, schwarze noch viel
lieber…“
Sebastian spitzt die
Ohren und nimmt den Text auf, obwohl meine Vortragsweise sich als
ein künstlerisch unübertroffenes pianissimo darstellt. Kinder und
ganz besonders die Enkelkinder, das ist doch klar, sind begabte
Fragensteller. "Oma, was für ein Lied singst du?"
Nach kurzem
Nachdenken fällt mir der restliche Text ein und ich singe weiter,
jetzt allerdings mit einem dezenten piano:
...in die Schule geh' ich gern', alle Jahre wieder.
Hier wird Platz gemacht für die jungen Damen.
Sitzt der Kuckuck auf dem Dach,
kommt der Regen macht ihn nass,
kommt der liebe Sonnenschein,
diese Dame soll es sein."
Dies ist ein
Kreisspiel für Mädchen, aber es können auch Jungen mitmachen. Alle
Kinder fassen sich an die Hände und gehen singend im Kreis herum.
Ein ausgewähltes
Kind geht außen in Gegenrichtung herum und durchbricht bei dem
Kommando
„Hier wird Platz gemacht!“
- den Kreis.
Am Ende der Strophe,
"... diese Dame soll es sein",
holt es eine Mitspielerin oder einen Mitspieler, die dem Kind
folgen.
Das Spiel wird
solange wiederholt, bis alle Kinder folgen. Je mehr Kinder
mitspielen, desto größer ist der Spaß.
Im Süden der
Gemeinde Bergkamen unterhalb des Nordbergs und südlich des Kuhbachs,
der heute verrohrt ist, breitete sich eine von Wiesen und Feldern
durchzogene Landschaft aus, in der durchaus auch einige Heidekräuter
wuchsen.
Dieses weite Tal
nutzten die Kiebitze, ein Vogel aus der Gruppe der Regenpfeifer, für
die Aufzucht ihrer Jungen; außerhalb der Paarungszeit versammelten
sich diese taubengroßen geselligen Vögel in großen Scharen.
Jetzt gab es viel zu
besprechen - Was machen die Jungen? - Wie wird die Reise in den
Süden? - Ach, du willst nicht mitfliegen?
Jedenfalls konnten
alle Fragen unter den Kiebitzen geklärt werden. Nur die Menschen
verstanden nichts.
Nach ihrer
Wahrnehmung kam immer nur ein hell klingender Ruf wie "kiewitt"
herüber. Und so nannten sie den Kiebitz auch Kiwitt.
Aus der Verbindung
zwischen Heidekraut und Kiwitt formten sie wahrscheinlich dann den
Begriff: Kiwittsheide.
Um das Jahr 1900
teufte die Bergwerksgesellschaft Monopol genau in dieser
Kiwittsheide einen Schacht ab. Die Zechengebäude zur Aufnahme der
Steinkohlenförderung kamen über Tage dazu.
Die Schachtanlage
nannte man Grillo 3 oder auch Schacht Kiwitt.
Und da ein Bergwerk
ohne Bergleute nicht funktioniert, baute die Gesellschaft zeitgleich
eine Siedlung in knapp einhundert Metern vom Schacht entfernt - die
Kiwittsiedlung.
Durch die
erdrückende Nähe zum Bergwerk lebten die Bewohner der Kiwittsiedlung
in einem Geräuschpegel, der nach heutigen Umweltauflagen nicht
zulässig ist.
Besonders das
monotone Geräusch des Grubenventilators, der die verbrauchte Luft
aus der Grube absaugte, beschallte Tag und Nacht die Siedlung, und
das immerhin bis zur Stilllegung der Anlage 1982.
Die Kumpels der
Kiwittsiedlung nahmen die Geräuschbelästigungen gelassen hin; sie
kannten es nicht anders und behaupteten mit Humor: Wir leben auf der
Seilscheibe.
Die drei Straßen in
der Kiwittsheide, in der Kiwittsiedlung oder auch im Kiwitt,
benutzten wir Kinder mit uneingeschränkter Selbstverständlichkeit.
Wir beherrschten
unser Reich, ohne den Begriff Spielplatz zu kennen.
In der Bogen-,
Stich- und Freiligrathstraße erschien sehr selten ein Auto.
Wir Straßenkinder
lebten gedanklich tief verloren im Spielgeschehen bis der Milchbauer
Wissmann, oder der Gemüsehändler Heckmann, beide mit Pferd und
Wagen, unser Spielfeld beanspruchten.
Lautes Flötenspiel
verbreitete vielfach die Botschaft: Der Schrotthändler oder auch der
Klüngelkerl mit seinem motorisierten Dreirad ist da!
Dieser Mann
beherrschte sein Instrument, eine simple Blechflöte, so virtuos,
dass wir Kinder uns in das Märchen" Der Rattenfänger von Hameln"
hineinversetzt fühlten.
Einmal in der Woche
durchkreuzte Bauer Tebbe mit seinem Treckergespann unser Reich. Hoch
beladen mit Stroh zog sein UNIMOG, Universal Motor-Gerät von
Mercedes, den luftbereiften Anhänger.
Bauer Tebbe kündigte
sich lauthals mit dem Ausruf an: "Stroh kommt!" Die Bergleute in der
Siedlung kauften einige Ballen Stroh als Streugut für ihre Viecher.
Fast jeder Haushalt hatte mindestens ein Schwein im Stall,
freilaufende Hühner und ein paar Kaninchen. Aus "Stroh kommt"
leitete die Bevölkerung "Strohkopp" ab.
Dieser Ausdruck
bezog sich nicht auf die Intelligenz des Bauern und sollte auch
nicht bösartig herüberkommen.
Als zuvorkommender
und liebenswerter Mensch wusste Herr Tebbe damit, und mit seiner
Kundschaft, locker umzugehen. Alle Viehhalter kauften dankend Stroh,
das er frei Haus bereitstellte - was will man mehr?
Im Sommer erschien
in unserer Spielstätte häufig ein rasant bemaltes weißes Dreirad.
"Der Eismann ist da!"
Bevor wir das weiße
Auto optisch ausmachen konnten, verbreitete sich diese Nachricht
rasend schnell unter uns Kindern.
Wir benötigten
unbedingt diese Vorlaufzeit, um zu Hause ein paar Groschen für ein
leckeres Eis auszuhandeln. Nicht kalt und starr wie Eis stellte sich
Herr Geldmacher als Eismann dar, sondern ganz normal, höflich und
geschäftstüchtig. Er hieß zwar Geldmacher, konnte es aber nicht. Ein
vorzügliches Speiseeis konnte er jedoch herstellen, das er
zufrieden, man sah es ihm an, seiner Kundschaft verkaufte.
In der Mitte der
Bogenstraße weitete sich das Spielfeld für uns Kinder. Hier standen
vier Doppelhäuser zurückgesetzt von der allgemeinen Häuserflucht bei
unverändertem Straßenverlauf. Die dadurch entstandenen besonders
breiten, nicht befestigten, Bürgersteige eigneten sich hervorragend
zum "Pinnchenkloppen".
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