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Industrialisierung
und Zuwanderung
Die
Industrialisierung in Bergkamen begann 1890 mit der Abteufung der
Schachtanlage Grimberg 1/2 und der Aufnahme der Kohleförderung im
Jahre 1900.
Die
Abteufungsarbeiten konnten mit einheimischen Arbeitskräften
bewerkstelligt werden. Mit dem Förderbeginn stieg ihr Bedarf
sprunghaft an. Zur Anwerbung von Bergleuten beschäftigte die
Zechengesellschaft Gelsenkirchener Bergwerks-AG sogenannte Agenten,
die neue Leute in das Revier holen sollten. Auf diese Weise kamen ab
1900 Arbeitskräfte aus Schlesien, Ost- und Westpreußen,
Schaumburg-Lippe und aus dem Ausland, vorwiegend aus Italien, Polen
und Ungarn, in die ehemalige Gemeinde Bergkamen.
Zur
Unterbringung der Bergarbeiterfamilien setzte ab 1900 ein lebhafter
Bauboom ein. Im Auftrag der Zechengesellschaft entstanden in
unmittelbarer Nähe zur Zeche mehrere Kolonien. Ihre Bewohner
standen bei der ortsansässigen Bevölkerung allgemein in schlechtem
Ruf. Häufig wurden sie als „Unruhestifter“ angesehen oder
„sozialdemokratischer Bestrebungen“ verdächtigt.
Ausstattung
von Zechenwohnungen
Koloniewohnungen
waren unter den Bergarbeitern sehr begehrt, da sie größer und vor
allem billiger waren als vergleichbare „freie“ Wohnungen. Im
Jahre 1929 waren
z. B. rund 70 Prozent der Belegschaft des Bergwerks Monopol in
zecheneigenen Wohnungen untergebracht.
Diese
waren keinesfalls geräumig. Die Zimmergröße lag bei 12 bis 19
Quadratmetern. Den größten und wichtigsten Raum stellte die Wohnküche
dar, in der sich die Familienmitglieder, Besucher und Kostgänger
tagsüber aufhielten. Die Schlafzimmer befanden sich meist im ersten
Stock.
Nur
wenige Wohnungen waren mit Wasserleitungen ausgestattet. In der
Regel holten die Bewohner das Wasser an Zapfstellen, die in regelmäßigen
Abständen an der Straße installiert waren. Diese Zapfstellen
entwickelten sich schnell zum Treffpunkt der Bergarbeiterfrauen.
Fast alle Koloniehäuser verfügten über Garten und Stall. Damit knüpften
die Zechengesellschaften an die zumeist ländliche Herkunft der
Bewohner an, die sich auf diese Weise mit Fleisch und Gemüse
versorgen konnten.
Bergarbeiterbewegung
Seit
den 1860er Jahren zeichnete sich im Ruhrgebiet ein langanhaltender
konjunktureller Aufschwung ab, der in den „Gründerjahren“ 1870
- 72 seinen Höhepunkt erreichte.
Trotz
der sprunghaften Aufwärtsentwicklung im Bergbau verschlechterte
sich die soziale Lage der Bergarbeiter zusehends. Die Unternehmer,
die seit der Bergrechtsreform von 1865 nicht mehr dem staatlichen
Direktionsprinzip unterlagen, gingen rigoros in den Gruben vor,
Vorgesetzte wurden angehalten, harte Strafen zu erteilen, der Lohn
wurde gedrückt und die Schichtzeiten verlängert.
Als
Folge davon kam es im Mai 1889 zu spontanen Arbeitsniederlegungen im
Ruhrbergbau, die sich schnell zu einem Massenstreik ausweiteten.
Auch die Schachtanlage Monopol in Kamen war davon betroffen.
Der
Streik beschleunigte die Gründung einer dauerhaften
Vertretungsorganisation der Bergleute, die unter dem späteren Namen
„Alter Verband“ bekannt wurde.
Kurz
nach der Gründung einer gemeinsamen Interessenorganisation kam es
zur Spaltung in verschiedene Richtungsgewerkschaften. Unter dem
Nationalsozialismus wurde die größte freie
Bergarbeiterorganisation, der Alte Verband, zerschlagen, führende
Gewerkschaftsmitglieder eingeschüchtert und verfolgt.
Nach
dem Krieg setzte sich die Erkenntnis durch, dass es nur eine
einheitliche, starke Gewerkschaftsorganisation geben dürfe. So kam
es 1946 zur Gründung des Industrieverbandes Bergbau für die
britische Zone, der später in die Industriegewerkschaft
Bergbau und Energie (IGBE) überging.
Neubergleute
1945 – 1958
Unmittelbar
nach dem Krieg bis zum Beginn der ersten Kohlekrise 1958 erreichte
die ehemaligen Gemeinden der heutigen Stadt Bergkamen eine neue
Zuwanderungswelle.
Viele
Bergleute waren im Krieg gefallen, in Gefangenschaft geraten oder
durch den Krieg arbeitsuntauglich geworden. Mit Zeitungsinseraten
und Plakaten wurde deshalb ab 1946 geworben, um Männer aus anderen
Berufen für den Bergbau zu gewinnen. Deutschland war dringend auf
die Steigerung der Kohleproduktion zur Erfüllung der Reparationen
und zur Deckung des eigenen Bedarfs angewiesen.
Etwa
die Hälfte der Neubergleute von 1945 - 1958 kam aus dem Ruhrgebiet,
ein großer Teil davon aus der Eisen- und Stahlproduktion, die durch
Förderungsbeschränkungen und Demontagen viele Arbeitskräfte
freisetzte.
Ein
Drittel der Neubergleute im Revier waren Flüchtlinge und
Vertriebene. Die meisten davon hatten vorher nicht im Bergbau
gearbeitet. Die Not und andererseits die Aussicht auf Unterkunft,
Verpflegung und Heizmaterial veranlasste sie, die schwere Arbeit
unter Tage auf sich zu nehmen.
In
den 1950er Jahren verbesserte sich die Arbeitsmarktlage. Nun waren es
hauptsächlich junge Männer, die in den Bergbau wechselten. Ab 1957
gingen die Zechen dazu über, ihre Arbeitskräfte aus dem Ausland zu
rekrutieren und zwar vor allem aus Italien und Jugoslawien.
Mit
Beginn der Kohlekrise 1958 kehrte sich die Arbeitsmarktlage wieder
um. Die Zeit der Neubergleute war damit vorbei.
Demontage
der Chemischen Werke
Anfang
Juni 1949 kam es in der ehemaligen Gemeinde Bergkamen zu einer
scharfen Konfrontation zwischen Bevölkerung und
Besatzungseinheiten. Auslöser war das bekannt werden geheimer Pläne,
die die Demontage der Chemischen Werke Bergkamen vorsahen
Die
Bevölkerung Bergkamens hatte zu diesem Zeitpunkt einen außergewöhnlichen
Leidenweg hinter sich. 1944 waren bei einem Grubenunglück 109
Menschen ums Leben gekommen. Die Bombardierung am Kriegsende hatte
509 Menschen das Leben gekostet. 280 Soldaten waren im Krieg
gefallen und im Februar 1946 forderte ein weiteres Grubenunglück
404 Menschenleben.
80
Prozent aller Wohnungen waren vernichtet worden, ein Großteil der
Bergkamener Bevölkerung hauste in Kellern und Erdlöchern. Die
Anordnung der Demontage zerstörte die Hoffnungen vieler Bergkamener
auf einen neuen Arbeitsplatz und die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse.
Ungeachtet
der Petitionen von Seiten der Parteien, Kirchen und Gewerkschaften
wurde am 13.06.1949 vom britischen Militärgouverneur für
Nordrhein-Westfalen, General Bishop, der Befehl zur Durchführung
der Demontage ausgesprochen. Gleichzeitig setzte man ein britisches
Panzerregiment aus Unna in Alarmbereitschaft, um notfalls die Maßnahme
zu erzwingen.
Als
am 14.06.1949 die Arbeiter der Demontagefirma ankamen, zwangen die
Bergkamener die Fahrzeuge zur Umkehr. Auch ein zweiter Versuch,
Demontagearbeiter auf das Werksgelände zu bringen, scheiterte. Die
Bergkamener Bevölkerung, Arbeiter der Chemischen Werke und
Bergleute hatten zusammen Straßensperren errichtet. Als Reaktion
darauf wurden von General Bishop belgische Truppenverbände zur
Abriegelung der Fabrikanlage eingesetzt.
Inzwischen
hatten sich ausländische Journalisten eingefunden, die über die
Demontage in Bergkamen berichteten. Im Juli 1949 bemühte sich
Bundeskanzler Konrad Adenauer in Verhandlungen mit den Alliierten,
ein Demontage-Stop-Abkommen zu erreichen. Diese Bemühungen führten
1950 für Bergkamen zum Erfolg. Mit der Unterzeichnung des
Petersberg-Abkommens wurden die Chemischen Werke Bergkamen wie auch
eine Reihe anderer Industriebetriebe im Ruhrgebiet von der
Demontage-Liste gestrichen.
Die
Demontage war bis dahin so weit vorangeschritten, dass sie zuerst zu
Ende geführt werden musste, bevor man mit dem Wiederaufbau des
Werkes beginnen konnte.
Bereits
1951 konnte das Werk wieder in Betrieb genommen werden. 1959
erfolgte die Übernahme des Werkes durch die Schering AG mit
Hauptsitz in Berlin. Drei Jahre später wurde die Produktion von flüssigen
Treibstoffen nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren beendet und mit der
Herstellung von Pharmawirkstoffen begonnen.
Wohnungsnot
und Bauboom 1945
Auf
die Siedlungsgeschichte wirkten sich die Zerstörungen der letzten
Kriegsjahre verheerend aus. Zur Linderung der Wohnraumnot wurden von
der britischen Militärregierung in aller Eile Wellblechbaracken,
sogenannte Nissenhütten, aufgestellt.
Ein
besonderes Problem stellte der einsetzende Zustrom von Flüchtlingen
und Vertriebenen aus dem Osten dar, für die zusätzliche
Wohnraumkapazitäten geschaffen werden mussten.
Die
anfänglichen Pläne der Alliierten, Deutschland in ein Agrarland
umzuwandeln, wirkten sich hemmend auf den Wiederaufbau aus. Eine
Wende brachte auch im Wohnungsbau erst die Marshallplanhilfe.
Mit
den Geldern aus den Vereinigten Staaten setzte eine rege Bautätigkeit
ab etwa 1950 ein.
Siedlungsbaugesellschaften
übernahmen den Bau von Wohnungen, die innerhalb kurzer Zeit
erstellt wurden. Mit der schnellen Expansion der Gemeinden traten
Ende der 50er Jahre Probleme auf, die zu einem Zusammenschluss und
schließlich zur Gründung der Stadt Bergkamen führten.
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